Oben auf den Bergspitzen im bewaldeten Nationalpark stehen die Wachtürme,
bewohnt von jeweils einem Wächter, der sich im immergleichen Rhythmus mit
den Kollegen in den anderen Türmen per Funk absprechen muss: alles normal,
kein Waldbrand in Sicht.
Nihat ist neu dabei, und bei ihm ist nichts normal. Vom Berg aus kann man
die Reisebusse sehen, die sich durch die Serpentinen schlängeln. Die junge
Seher fährt dort als Stewardess mit, weit weg von Zuhause.
Nihat und Seher werden durch ein unabwendbares Ereignis miteinander
verbunden sein.
Pelin Esmer läßt sich behutsam auf ihre Protagonisten, ihr Schicksal, ihre
Schuld, ihre Verlorenheit ein und hat damit ein schönes unsentimentales
Melodram geschaffen, wo die patriachalisch geprägte Umgebung, in der
emotionale Probleme verdrängt werden, stets im Hintergrund agiert.
„Die Regisseurin (...) spielt zu Beginn virtuos, aber ohne Schaustellerei
mit den ewigen filmischen Themen des Blickens/Angeblicktwerdens und den
darin angelegten Geschlechterrollen (klassischerweise: Voyeure vs.
Exhibitionistinnen). Ganz subtil verunsichert die Montage dabei klare
geometrische Gefüge und kündet damit gleich an, dass altbekannte
Verhältnisse hier infrage gestellt werden. In der heutigen Türkei
existiert ein jede materielle Schutzfunktion übersteigender Wahn zur
Bewachung und Kontrolle. Jedes noch so abgelegene Gelände, jede Baugrube,
jede verfallende Fabrikruine wird von einem bekçi – einem Wachmann –
behütet. (…) Dieser allgegenwärtige Berufszweig verrät eine
Alltagsparanoia, die wiederum einiges damit gemein hat, wie viele
türkische Männer noch immer mit Frauen umgehen: kontrollieren, bewachen,
im schlimmsten Falle wegsperren. So kreuzen sich hier filmische und
soziale Diskurse.“
Nico Klinger, kino-zeit.de