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O amor natural
'0 Amor Natural' ist der Titel einer Anthologie mit erotischen Gedichten aus
den
letzten
Lebensjahren des berühmten brasilianischen Dichters Carlos Drummond de
Andrade
(1902-1987), die dieser selbst nie veröffentlichen wollte, weil er fürchtete, sie
könnten
als
Pornographie abgetan werden. Regisseurin Heddy Honigmann macht scheinbar
nichts
anderes, als ein Buch herum zu zeigen, läßt es rezitieren und diskutieren - und
gestaltet
hieraus ein intimes Portrait Brasiliens, des Dichters, und der Beziehungen zwischen
Männern
und Frauen. Sie zieht in Rio de Janeiro mit dem Buch unterm Arm durch Bars, über
Marktplätze oder auf eine Rennbahn, um Frauen und Männer darum zu bitten, vor
der
Kamera
aus der Gedichtsammlung Drummond de Andrades vorzulegen - über Orgasmus,
Möse,
Penis
und Hintern - in der Hoffnung, deren Erinnerungen an die eigenen sexuellen
Erlebnisse,
Sehnsüchte und Lüste zu evozieren. Das Experiment gelingt. Das Rezitieren der
Verse
wirkt
solcherart als Katalysator. Weißhaarige Frauen plaudern über Analsex, Greise
berichten
über
ihre Seitensprünge und entwerfen hierbei ein spannungsreiches Bild einer
Generation,
das mit
seiner Offenherzigkeit alle Klischees über das Alter als Lüge entlarvt. So entsteht
eine
Sammlung von Lebensgeschichten und Rückblicken all dieser Menschen, die zwar
an
Jahren
gealtert sind, sich aber etwas bewahrt haben. Eine ältere Frau, der die
Überraschung
der
Regisseurin angesichts ihrer puren Freude an einem unmißverständlich sexuellen
Gedicht
nicht entgangen ist, spricht es aus: "Wir sind alt, aber nicht tot."
NL 1996, 76 Min., OmU, B+R.: Heddy Honigmann
Oh, ihr meine Gänse
GUS, 1991
(Oy, vi gousi) O.m.frz.U, 88 min
R u. B: Lydia Bobrova, K: S. Astakhov, D: V. Sobolev, Y. Bobrov, V. Frolov, N.
Usatova,
Prod:
Lenfilm
In der Region von Krasnodar, im Süden, unter den Armen, leben drei Brüder.
Der Älteste, Mitka, ist Invalide und sucht Arbeit, aber niemand kann ihn gebrauchen.
Der
zweite, Snya, kommt gerade aus dem Gefängnis und weiß nicht wohin. Der dritte,
Petka,
ist
der verschlagenste und steht besser da als seine Brüder. Aber das Leben ist
langweilig.
Der
einzige Glanz kommt über Radio und TV in den Alltag: es ist das Jahr 1980 und in
Moskau
inszeniert man pompös die Olympischen Spiele.
L. Boborova wurde 1952 im orientalischen Sibirien geboren, studierte in Leningrad,
weigerte
sich aber unter dem Regime zu lehren. Sie kommt in die Dreh-buchklasse des
WGIK.
Oy, vi
gousi ist ihre Diplomarbeit, die aber abgelehnt wurde. Weitere Drehbücher, die sie
bei
Lenfilm
schreibt, werden ebenfalls nicht angenommen. Erst mit der Perestroika wird
Bobrovas
Drehbuch veröffentlicht und sie entschließt sich, es selbst zu verfilmen.
Ohne
Liebe
Polen, 1980
(Bez milosci) DF, ca. 90 min
Regie: Barbara Sass
Ewa ist Fotoreporterin. Jedes Mittel ist ihr recht, um sich in diesem harten Geschäft
zu
etablieren. Sie geht Zweckverhältnisse mit ihren Vorgesetzten ein
und vermarktet das plakative Elend Anderer. Früher einmal war sie in Italien.
Zusammen
mit
einem italienischen Journalisten hat sie eine Tochter. "Amore"-Lieder wabern in ihrer
Wohnung, wenn sie versucht, den in jeder Hinsicht fer-nen Geliebten ans Telefon zu
bekommen.
B.Sass absolvierte in den 70er Jahren das Regiestudium an der Staatlichen Film
und
Fernsehakademie in Lódz. Wie Meszaros in Ungarn und Gogoberidse in Georgien
ist
Sass
eine Regisseurin, die beständig Frauenfiguren in das Zentrum ihrer Filme stellt.
Weitere
Filme
u.a Die Debütantin (Debiutantka, 1981), Der Schrei (Krzyk, 1982) und Im Käfig (W
Klatce,
1987).
Okaeri
Japan 1995, 99 Min.
R. Makoto Shinozaki
D. Susumo Terajima, Shoichi Komatsu
Plötzlich ein paar Risse Im Alltag
'Takahashi und Yuriko sind ein ziemlich normales Ehepaar Mitte zwanzig.Er ist
Lehrer,sie,die
ehemalige Pianistin,arbeitet zuhause als Stenotypistin.Oft kommt er erst spät nach
Hause
und
arbeitet auch an Wochenenden.Oft wartet sie vergeblich mit dem Essen im kleinen
Appartment,während ihr Mann mit einem Kollegen in einer Bar trinkt.
Alles ist scheinbar normal in dem unspektakulär-schönem Spielfilmdebüt von
Makoto
Shinozaki.Natürlich bekommt die Normalität dann ein paar Risse.Yuriko bemerkt,wie
sich
die
Wirklichkeit um sie herum verändert.Namensschilder an den Haustüren verschieben
sich
um
Millimeter,die Polizisten auf der Straße tun nur so,als seien sie Polizisten-in
Wirklichkeit
sind
sie die Agenten einer üblen 'Organisation`.Um die kaum merklichen,umso
bedrohlicheren
Veränderungen der Wirklichkeit aufzuhalten,beginnt Yuriko auf Patrouillengängen
ihre
Umgebung zu kontrollieren,vernachlässigt ihre Arbeit,wird seltsam.Der besorgte
Ehemann
kann mit den Sorgen seiner Ehefrau wenig anfangen.Er liest Bücher über
Schizophrenie,verfolgt sie im Pyjama eines Morgens bei ihrem Kontrollgang.Sie
bemerkt,daß
sie verfolgt wird und flieht in einem Auto, das zufällig grad vor ihrem Haus parkt.
Nach langem Hin und Her ('und der schönsten,weil längsten ' Tröstungssequenz '
der
Filmgeschichte ') begleitet sie ihren Mann in eine Nervenklinik,weigert sich aber,sich
weiter
behandeln zu lassen.
Ob die Liebe am Ende die Schizophrenie besiegt oder ihr Mann sie von nun an bei
ihren
Streifengängen begleiten wird,läßt Makato Shinozaki offen.Sein Filmdebüt besticht
durch
lange
stille Einstellungen und durch eine zärtliche Sorgfalt,mit der er auch die
Randepisoden
schildert.
( Detlef Kuhlbrodt )
Okay okay -
Der moderne Tanz
BRD 1980 90min
R.: Christoph Dreher, Heiner Mühlenbrock
Zu Tönen von Pere Ubu, Chrome, PIL, Residents, Wire u.v.a. sieht man Bilder von
menschenleerem Menschenwerk: Müllhalden, Keller, Industrielandschaften. Man
sieht
die
Welt, die die Musik hervorgebracht hat. Sie wird aber nicht pseudo- dokumentarisch
noch
kulinarisch-kontemplativ, sondern an den Strukturen der jeweiligen Musikstücke
orientiert
gefilmt. (...) Der Übergang zu dokumentarischen Live-Aufnahmen von Wire oder von
der
legendären Veranstaltung mit Ätztussis und Katapult vorm Berliner Frauengefängnis
ist
erstaunlicherweise völlig nahtlos. Denn was vorher durch die Vereinigung zweier
extrem
subjektiver Perspektiven (Kamera und Musik) vermittelt wurde, erscheint nun in
bekannten
Kategorien und Erscheinungen, die jeder als "politisch" versteht und nun auch weiß,
worum es
vorher gegangen war.
(Diederichsen; Sounds 8/80)
One false move
USA 1991 105min
R.: Carl Franklin
D.: Bill Paxton, Cynda Williams, Bob Thornton, Michael Beach, Jim Metzler, Earl
Billings
"One false move" beginnt mit einer an die Nieren gehenden Mordsequenz. Es ist die
minuziöse
Beschreibung kaltblütiger Morde. Die beiden Täter führen sie aus wie sorgsame
Handwerksarbeit, um keine Zeugen zu hinterlassen, daß sie sich in den Besitz eines
Haufens
von Kokain und Bargeld gebracht haben. Danach machen sie sich nach Texas auf,
den
Stoff
abzusetzen. Die Konstruktion der Story scheint voraussehbar: Ganoven auf der
Flucht,
Probleme miteinander und mit der Polizei, alles verquickt mit Bestandteilen eines
Road-Movies.
Doch "One false move" ist kein Film, der sich mit den gewohnten Genreklischees
zufriedengibt. Aufmerksam macht schon, daß der Kopf hinter dem Unternehmen
diesmal
ein
Schwarzer ist, der seinen Helfershelfern intellektuell weit überlegen ist. Auch die
"Gangsterbraut" beginnt rasch, individuelle Züge anzunehmen. Vollends verläßt der
Film
dann
den Pfad des konventionellen Gangsterfilms, wenn er als unerwartete Hauptfigur
den
"Polizeichef" eines kleinen Kaffs in Arkansas exponiert, der mit angeborener
Freundlichkeit
jedem Fremden zunächst einmal Kaffee anbietet oder ihn in dem abgetakelten
Coffee
Shop
des Nestes zu einem Nahrhaften Bratkartoffel-Frühstück einlädt.
One Year In A
Life Of Crime
USA 1989 OF 1Std.
Regie: Jon Alpert
Profidiebe bei der Arbeit. Alpert filmt sie mit versteckter Kamera, als gehöre er zum
Team.
Zuschauer werden zu Komplizen. "Das ist allemal besser als ein Bürojob." meint
einer
der
Diebe, doch der anfangs recht romantische Ein druck vom freien Outlaw- Dasein
weicht
bald
dem realistischeren Miterleben von Angst, Gewalt und Drogenabhängigkeit. -
Nichtsdestotrotz,
über weite Strecken ist dieser traurige Film einfach unglaublich komisch.
Orchesterprobe
Ita/BRD 1978
R: Federico Fellini
D: Balduin Baas, Clara Colosimo, Giovanni Javarone,
"Ich sah die Musiker ins Studio kommen: muffig, von ihrer Verdauung in Anspruch
genommen,
manche richtig abgestumpft, alle offensichtlich mit den Gedanken woanders. Ich sah
die
Kleinwagen, in denen sie kamen, die schwarzen Baskenmützen, die sie sich auf den
Kopf
gestülpt hatten. Dahinter steckten, wie hinter allen Leuten, ihre persönlichen
Geschichten.
Und das waren Leute die Musik studiert hatten, ausübende Künstler. Manche von
ihnen,
wer
weiß, hatten den Beruf ergriffen in der Hoffnung, Solisten zu werden. Statt dessen
fanden
sie
sich in der Rolle von bloßen Ausführenden wieder...Dann die ersten Akkorde, jeder
für
sich,
wieder und wieder geübt, und schließlich der Dirigent, dem es gelang, aus diesem
Durcheinander etwas zu ziehen, etwas Harmonisches, das einen Sinn hatte,
Schönheit,
wenn
sie so wollen." (Fellini auf die Frage wovon sein Film handelt)
Orson
Welles - The one-man-band
F 1995 88 Min. OmU
R: Vassili Silovic
Neues Filmmaterial von Orson Welles? Nein, keine Computersimulation, sondern
unveröffentlichtes Material. Oja Kodar, seine Mitarbeiterin und ständige Begleiterin
der
letzten
20 Lebensjahre, macht seine Archive zugänglich : Bruchstücke, unvollendete Filme,
Monologe,
das Fenster, das ständig mit um die Welt reiste ...
Ostkreuz
BRD 1991 84 Min.
R.: Michael Klier
D.: Laura Tonke, Miroslav Baka, Suzanne von Borsody
Die fünfzehnjährige Elfie will 3000 Mark beschaffen, um mit ihrer Mutter aus dem
Containerlager in eine richtige Wohnung ziehen zu können. Dafür läßt sie sich mit
ein
paar
Kleingangstern ein. Der Film handelt davon, wie die, die nichts haben, sich
gegenseitig
ausbeuten und überlisten, um ein bißchen mehr als nichts zu erbeuten. Auch davon,
wie
dieses Verhalten für einige Zeit durch den Zustand der Liebe aufgehoben werden
kann,
weil
der Wunsch, sich für jemanden verantwortlich zu fühlen, stärker wird als der, sich zu
bereichern.
Oublie-moi
Vergiß mich
F 1994, 95 Min., O.m.U.
R.: Noémie Lvovsky
D.: Valeria Bruni Tedeschi, Emanuelle Devos, Eric Laurent Grevill, Emanuel
Salinger
Auf diesen Film sind wir ziemlich stolz, war er doch recht einhellig unser Liebling
beim
diesjährigen Internationalen Forums des Jungen Films und nur schwer zu
bekommen.
Eine Frau verläßt einen Mann, der sie noch liebt und kämpft verzweifelt um einen
anderen, der
sie nicht mehr liebt. Daß der heftige Schmerz, den solche Ungleichzeitigkeit des
Aufhörens von
Liebe verursacht, in aller Härte abgebildet wird, ist wohl die Ursache für
Aggressionen
gegen
diesen Film, die ich bei manchen meiner Bekannten beobachten konnte. Wieder so
ein
Film,
den man offenbar, je nachdem, wie sehr man sich auf ihn einläßt, nur hassen oder
lieben
kann.
Out of America
BRD 1994 60min (+Vorfilm: Ferrari)
B+R.: Michael Klier
Ehemals in Berlin stationierte schwarze GIs entschließen sich nicht mehr in die USA
zurückzukehren, um hier, in der BRD, Musik zu machen. Nach aussage eines
Bandmitglieds,
ist der deutsche Rassismus für ihn nicht so bedrohlich wie der amerikanische -
strange!
Ein
Portrait-Film, der Rückschlüsse sowohl auf die Zustände in den USA, als auch auf
die
der BRD
zuläßt.
Os Mutantes
Eigendlich sind die Helden dieses Films alle Insassen eines Sozialjugendheimes,
aber dort ist es wohl eher nicht zum Aushalten. Vielleicht gibt es in dieser Welt doch
noch was anderes. Drum begegnen wir ihnen auf der Straße, beim Organisieren des
täglichen Überlebens, mal alleine, mal zusammen. Manchmal werden sie dabei
geschnappt und kommen zurück ins Heim. Nein, es gibt hier nichts anderes, nur die
hoffnungslose unbändige Forderung danach.
„Ja, ich denke, das alles hat mit dem zu tun, was ich schon gesagt habe. Es hat mit
der Energie zu tun, mit dem Willen, Dinge zu verändern und sie auf andere Art zu
sehen. Ich denke, die Charaktere dieses Film wissen nicht, wie sie leben wollen,
aber es gibt immer etwas, was sie irritiert, was für sie nicht in Ordnung ist.
Sie leben mit dem permanenten Wunsch, die Dinge in Bewegung zu sehen. Dem
Wunsch nach einem Schwindelgefühl. Sie können nicht lange stillhalten. Die Dinge
müssen sich bewegen. Um jeden Preis." Teresa Villaverde
Port/Fra. 1998, 115 Min., OmU, B+R.: Teresa Villaverde, D.: Ana Moreira,
Alexandre Pinto, Nelson Varela, Helder Tavares
Orphans
Die erwachsenen Kinder Thomas, Michael, Sheila und John kommen in Glasgow zusammen,
um die Beerdigung ihrer Mutter vorzubereiten. Nach einer Kneipenschlägerei hat John aber
statt Trauer nur Rache für seinen verletzten Bruder Michael im Sinn. Der wiederum gerät in die
Gewalt eines rabiaten Kneipenwirts, während der älteste Bruder Thomas am Sarg seiner
Mutter wacht und Sheila versucht, in ihrem Rollstuhl alleine nach Hause zu kommen.
Mit der tragikomischen Familiengeschichte gibt Schauspieler Peter Mullan (Titelheld in „My
Name is Joe") sein Regiedebüt. Die auf für die „Waisen" entscheidenden 24 Stunden
konzentrierte Handlung erzählt er mit atemberaubenden Tempo, zeichnet Glasgow von seinen
heftigsten Seiten und beschreibt dabei subtil die geschwisterlichen Beziehungen.
GB 98, 101', OmU, B+R.-: Peter Mullan, D.: Douglas Henshall, Gary Lewis, Stephen McCole, Rosemarie
Stevenson