Mein Bruder - We'll meet again

Mein Bruder - We'll meet again


[Inhalt] [Bioraphie] [Credits] [Interview]


Inhalt

Mein Bruder ist Koch. Er hat die Stadt verlassen und seine Stammkneipe
in Berlin im Prenzlauer Berg. Er lebt jetzt seit einem Jahr in
Frankreich, in den Bergen unterm Dach der Pension von Micha und
Yvonne. Andreas hat gedacht, er stirbt hier, drei Infarkte, eine Operation,
das Herz und nichts mehr vor, aber daraus wird nichts. Mein
großer Bruder hat sich plötzlich verliebt. In Vanina, die Frau vom
Hufschmied mit den drei Söhnen.
Micha finanziert die kleine Pension durch seine Arbeit auf Herzstationen
in der Schweiz und in Deutschland. Er ist Kardiotechniker, Yvonne ist
es gewesen. Sie nimmt sich jetzt Zeit für die Kinder.
Mein Bruder arbeitet für Micha und Yvonne. Er kocht für sie und für
die paar Sommergäste. Jetzt ist Oktober, mein Besuch ist kurz. Ich
möchte mit meinem großen Bruder über Micha reden, seinen Freund.
Unsern IM.
Thomas Heise

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Biofilmographie

Thomas Heise wurde am 22. August 1955 in Berlin (DDR) geboren.
Von 1971 bis 1973 absolvierte er eine Druckerlehre, von 1974 bis
1975 den Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee. Ab 1975 arbeitete
er drei Jahre lang als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme
in Potsdam-Babelsberg und holte parallel dazu das Abitur nach.
Von 1978 bis 1983 studierte Heise an der Hochschule für Film und
Fernsehen in Babelsberg. Sein erster Film, der auf Schwarzmarkt-
Material gedrehte Dokumentarfilm Wozu denn über diese Leute einen
Film, wurde für alle öffentlichen Vorführungen gesperrt; Heise brach
das Studium ab. Seit 1983 arbeitet er freiberuflich als Autor und
Regisseur am Theater, im Hörspiel- und Dokumentarfilmbereich. Bis
zum Ende der DDR wurden jedoch all seine Dokumentarfilmprojekte
entweder verhindert, vernichtet oder eingezogen. In diesen Jahren
entstanden auch Vorstudien zu späteren Filmen wie Eisenzeit oder
Vaterland. Eine künstlerische Heimat fand Heise am Theater, es entwickelte
sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und
Regisseur Heiner Müller. 1987 bis 1990 war Heise Meisterschüler der
Akademie der Künste zu Berlin und bis 1997 Mitglied des Berliner
Ensembles, an dem er zahlreiche Produktionen als Regisseur betreute.

Filme (Auswahl)
1980: Wozu denn über diese Leute einen Film (Dokumentarfilm, 16mm,
s/w, 30’; 1980–1989 für Vorführungen gesperrt, UA Oktober 1989).
1982: Erfinder 82 (Dokumentarfilm, 35mm, Farbe, 15’; Diplomfilm,
vom DEFA Studio für Dokumentarfilm politisch nicht akzeptiert und
vernichtet). 1984: Das Haus/1984 (Dokumentarfilm, 16mm, s/w, 60’,
verboten bis 1990). 1985: Volkspolizei/1985 (Dokumentarfilm, 16mm,
s/w, 60’; verboten bis 1990). 1987: Heiner Müller 1 (Videodokumentation,
55’). 1989: Imbiß Spezial (Dokumentarfilm, 35mm, s/w und
Farbe, 27‘). 4. November 1989 (Videodokumentation, 240‘). 1989/90:
Zuchthaus Brandenburg, Dezember 1989 (Video, 120‘, gemeinsam mit
Hans Wintgen). 1991: Eisenzeit (Dokumentarfilm, 35mm, Farbe, 87‘;
Forum 1992). 1992: Stau – Jetzt geht‘s los (Dokumentarfilm, 16mm,
Farbe, 83‘; Forum 1993). 1997: Barluschke (Dokumentarfilm, 16mm,
Farbe, 90‘; Forum 1998). 1999/2000: Neustadt (Stau – Der Stand der
Dinge) (Dokumentarfilm, Digital Video, Kinofassung 35mm, 87‘; Forum
2000). 2000: Meine Kneipe (Dokumentarfilm, Digital Video, Farbe,
60‘). 2002: Vaterland (Dokumentarfilm, 35mm/Digital Video, 98‘).
2004: Der Ausländer (Dokumentarfilm, Digital Video/DVD, s/w, 37‘).
2005: MEIN BRUDER – WE’LL MEET AGAIN.

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Credits

Land: Deutschland 2005.
Produktion: MA.JA.DE. Filmproduktion GmbH, Leipzig, in Co-Produktion mit dem ZDF, in Zusammenarbeit mit ARTE und YLE Teema und mit Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung.
Buch, Regie: Thomas Heise.
Kamera: Peter Badel, Florian Wimmer.
Ton: Uve Haussig.
Schnitt: Gudrun Steinbrück, Axel Weber.
Mischton: Martin Steyer.
Postproduktion: Mike Gürgen, 4flash.
Tonbearbeitung: Sven Piesker, mega music.
Produktionsassistenz: Sebastian Gassner, Edda Rosenfeld.
Herstellungsleitung: Meike Martens.
Redaktion ZDF/Arte: Doris Hepp. Redaktion YLE Teema: Leena Pasanen.
Produzent:
Heino Deckert.
Format: 35mm (gedreht auf 35mm und DV Cam), 1:1.66, Farbe. Länge: 57 Minuten,
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch.
Uraufführung: 15. Februar 2005, Internationales Forum, Berlin.

Verleih: Freunde der dt. Kinemathek, Berlin.

Pressematerial: www.kinopresseservice.de



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Interview mit Thomas Heise

Erika Richter: Ich sah den Film mit großer Spannung. Zuerst vermutete
ich, dass es darum ging, dass dein Bruder sehr krank war und für
sein letztes Lebensjahr an einen Ort gehen wollte, der einer Idylle
glich. Natürlich wird niemand, der dich und deine Filme kennt, von dir
einen Film über eine Idylle erwarten. So habe ich mit großer Intensität
verfolgt, wie sich allmählich entschlüsselt, worum es eigentlich
geht. Ich vermute, dass du schon lange weißt, dass der Freund deines
Bruders, bei dem er jetzt lebt, IM war und deinen Bruder und
dich und auch deinen Vater beobachtet hat. Wann kam es zu der
Idee, diesen Film zu drehen?
Thomas Heise: Vor ein paar Jahren wollte ich einen Film machen, der
‘Klassentreffen‘ hieß. Aber mit dem damaligen Produzenten ging das
nicht. Ihn interessierte nicht die Geschichte, sondern irgendetwas
anderes. Dann fuhr ich mit meinem Bruder nach Amerika – das war,
als er seinen dritten Infarkt hinter sich hatte. Dort saßen wir im
Death Valley. Diese Gegend, die ich sehr liebe, wollte ich ihm zeigen.
Es hat ihn sehr angestrengt. Dann dachte ich: Ich muss einen Film
mit ihm drehen. Während der Berlinale 2004 sprach ich mit Heino
Deckert darüber und sagte: Ich möchte das unbedingt machen. Das
hat er geglaubt und das Projekt als Produzent vertreten. Die Finanzierung
war allerdings sehr knapp. Aber ich wollte diesen Film, und ich
wollte ihn unbedingt auf 35mm, mit Negativschnitt und allem, was
man im richtigen Film macht. Weil ein 35mm-Film länger hält als man
selber. Außerdem wollte ich einen Film machen über eine schöne
Landschaft und drei Leute, die dort wohnen und nicht über das sprechen,
was sie da zusammenhält. Sie erzeugen einen schönen Schein.
Das ist auch in Ordnung, und jeder Einzelne hat auch etwas dazu zu
sagen. Aber sie sprechen nicht miteinander. Jedenfalls nicht über
das, was sie tatsächlich miteinander zu tun haben. Mehr als Akten,
das nebenbei.
E.R.: Da wusstest du aber schon, dass diese drei Leute zusammenleben.
T.H.: Natürlich. Ich hatte mit meinem Bruder einmal darüber gesprochen
und musste akzeptieren, wie wichtig Micha für ihn ist, und dass
es in Ordnung ist, wie es jetzt ist.
E.R.: Was ich in deinem Film sehe, kommt mir fast vor wie ein Modell
des Lebens an sich: Man lebt zusammen mit den ungeklärten Dingen.
Aber man lebt eben weiter. Es geht ja nicht nur um die Stasi. Das
Paar Michael und Yvonne ist praktisch geschieden und lebt trotzdem
weiter zusammen. Nichts soll sich ändern.
T.H.: Es geht eigentlich nicht, aber es geht trotzdem. Das stimmt. Es
ist eine kleine Geschichte, mit Beschränkung auf Ort und Zeit. Ein
Blick in eine schöne Landschaft. Alles sehr schön und alles sehr gut.
Eigentlich ist es ein Film über Oberfläche. Mich hat hier die Oberfläche
auch wirklich interessiert. Ich wollte nichts aufklären. Aber wenn
man auf diese Oberfläche schaut, dann ist unter diesem Glanz etwas
anderes zu sehen, nicht alles, aber etwas, das man erahnen kann.
Eine Haut, die einreißt und rotes Fleisch darunter sehen lässt. Daran
zu rühren würde nicht viel ändern, es würde mehr schmerzen als der
Blick, den man darauf wirft.
E.R.: Ich finde diesen Film auch interessant im Vergleich zu deinem
Film Barluschke. In MEIN BRUDER gibt es eine ganz andere Ebene des
Sprechens über den Geheimdienst und ähnliche Themen.
T.H.: Hier geht es nicht um Geheimdienste. Es geht um meinen Bruder
und mich. Das Unausgesprochene zwischen uns. Sonst hätte ich
diesen Film nicht gemacht.
E.R.: Ich finde es gut, wenn man den Blick des Historikers hat – und
den hast du immer angestrebt – und behauptet, dass man in der
eigenen Familie nachgräbt. Hat dein Bruder dem Plan von Anfang an
zugestimmt? War er froh über diesen Film? Offensichtlich gibt es zwischen
euch ja auch Spannungen.
T.H.: Ich habe Andreas gesagt, dass ich mit ihm drehen will. Und mit
Micha. Mehr habe ich nicht gesagt. War auch in Ordnung. Mit Micha
habe ich gar nicht über dieses Vorhaben gesprochen. Ich habe Andreas
gefragt, ob Micha da sein wird, er hat das bestätigt. Micha wusste,
was ich von ihm wollte. Weil wir nicht miteinander gesprochen hatten.
Er hat auch nicht gefragt. Irgendwann fing er von alleine an zu
sprechen. Aber im Vorfeld haben wir darüber gar nicht gesprochen.
E.R.: Vielleicht ergab sich gerade daraus dieses Echte, das man nur
herausbringen kann, wenn man so fühlt und nicht befragt wird und
sich nicht vorbereitet hat. – Und die Natur ist die unbeteiligte Dritte?
T.H.: Es gibt den gut zitierbaren Satz: „In Zeiten des Verrats sind die
Landschaften schön.“ Der ist mir platt als Erstes dazu eingefallen. –
In Ordnung. In den Pyrenäen trifft man auf diese alten Geschichten.
Denen kann man nicht entgehen, und die hören nicht auf. Die laufen
einem hinterher. Auch wenn man so tut, als wäre es nicht so. Andererseits
geschieht auch Neues, zum Beispiel kann man sich da verlieben.
E.R.: Ich finde eindrucksvoll, was Michael erzählt. Weil ich merke,
dass er sich damit quält. Auch wenn du darauf verweist, dass es um
Oberfläche geht.
T.H.: Ich bin vorsichtig und will das nicht kaputtmachen. Für meinen
Bruder ist Micha wichtig. Ein Freund. Also wollte ich nicht in dieser
Freundschaft herumfummeln. Ich habe es dennoch getan. Für Yvonne
ist Micha auch wichtig. Nicht nur, weil er die ganze Sache finanziert.
Er ist ein toller Vater, sagt sie. Es ist schön, wenn Menschen einander
brauchen und haben. Auf der anderen Seite ist das ein unmögliches
Modell. Wenn ich mir das so ausdenke, habe ich das Gefühl: Es geht
nicht. Das kann nicht gut sein. Aber es ist die Wirklichkeit.
E.R.: Ich glaube, es ist ein sehr realistisches Modell. – Haben die
Beteiligten den Film gesehen?
T.H.: Sie werden ihn auf der Berlinale sehen. Ich zeige keine halb
fertigen Sachen. Wir kennen uns zu lang. Da ist das, glaube ich, in
Ordnung.
E.R.: Hattest du das Gefühl, dass du mit Hilfe des Films etwas mit
deinem Bruder klären kannst?
T.H.: Der Film zeigt das, was ich darüber sagen kann oder darüber
sage. Mehr nicht. Es ist ein kurzer Besuch bei meinem Bruder, und
wir unterhalten uns mal wieder. An dem Charakter einer kurzen Begegnung
lag mir bei diesem Film. Weil es so selten ist, und so viel.
E.R.: Es klang ein bisschen traurig, als er sagte, dass ihr euch eigentlich
nie richtig unterhalten habt.
T.H.: Das hat aber mit Traurigkeit nichts zu tun. Es ist eine Beschreibung.
Es ist ganz sachlich. Wenn auch mit – ich weiß nicht – ‘Milde‘
uns gegenüber.
E.R.: Du mußt es wissen. – Was hast du während der Vorbereitung zu
dem Film mit deinem Kameramann Peter Badel besprochen? Oder
besprecht ihr euch gar nicht mehr und vertraut einfach aufeinander?
T.H.: Doch, ich habe von der Landschaft gesprochen. Bei allem Vertrauen.
Wir sind auf den Berg geklettert. Nicht jedermanns Sache,
anstrengend. Da kann man nicht mit dem Auto hochfahren. Es ist
eine recht große Anstrengung, die schweren Geräte da hochzuschleppen.
Man ist eine längere Weile unterwegs, muss alles tragen,
muss klettern. Wir haben darüber gesprochen, dass die Kraft von
Landschaft für mich ein ganz wichtiger Punkt ist. Das hat mich schon
bei Vaterland interessiert. Diese ungeheure Weite und andererseits
diese Enge, diese klaustrophobische Situation zwischen Menschen,
die mit ihren Geschichten in der Küche eines ehemaligen Pfarrhauses
aufeinander hocken.
E.R.: An einer Stelle, während Michael erzählt, ist mir ein Schnitt
aufgefallen. Ich zuckte einen Moment zusammen und dachte: Ach,
eigentlich hätte man ihn ausreden lassen sollen.
T.H.: Es ist nur immer die Frage: Wie lange hält man etwas aus? Was
ist wichtig, was ist weniger wichtig? Was lenkt vom Wesentlichen ab?
E.R.: Es wird ja von allen sehr in Andeutungen gesprochen. Manches
konnte ich gar nicht verstehen. Aber man muss auch nicht jedes Wort
verstehen. Das Generelle begreift man sehr gut.
T.H.: Oft werden keine geschlossenen, fertigen Sätze gesprochen,
sondern es gibt eine Aneinanderreihung von Anfängen oder Brocken.
Wie herumliegende Steine, die durch eine Gegend kullern. Spuren.
Interview: Erika Richter, Berlin, 27. Januar 2005

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