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| [Inhalt] [Bioraphie] [Credits] [Interview] InhaltMein Bruder ist Koch. Er hat die Stadt verlassen und seine Stammkneipe in Berlin im Prenzlauer Berg. Er lebt jetzt seit einem Jahr in Frankreich, in den Bergen unterm Dach der Pension von Micha und Yvonne. Andreas hat gedacht, er stirbt hier, drei Infarkte, eine Operation, das Herz und nichts mehr vor, aber daraus wird nichts. Mein großer Bruder hat sich plötzlich verliebt. In Vanina, die Frau vom Hufschmied mit den drei Söhnen. Micha finanziert die kleine Pension durch seine Arbeit auf Herzstationen in der Schweiz und in Deutschland. Er ist Kardiotechniker, Yvonne ist es gewesen. Sie nimmt sich jetzt Zeit für die Kinder. Mein Bruder arbeitet für Micha und Yvonne. Er kocht für sie und für die paar Sommergäste. Jetzt ist Oktober, mein Besuch ist kurz. Ich möchte mit meinem großen Bruder über Micha reden, seinen Freund. Unsern IM. Thomas Heise
Biofilmographie Filme (Auswahl) Produktion: MA.JA.DE. Filmproduktion GmbH, Leipzig, in Co-Produktion mit dem ZDF, in Zusammenarbeit mit ARTE und YLE Teema und mit Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung. Buch, Regie: Thomas Heise. Kamera: Peter Badel, Florian Wimmer. Ton: Uve Haussig. Schnitt: Gudrun Steinbrück, Axel Weber. Mischton: Martin Steyer. Postproduktion: Mike Gürgen, 4flash. Tonbearbeitung: Sven Piesker, mega music. Produktionsassistenz: Sebastian Gassner, Edda Rosenfeld. Herstellungsleitung: Meike Martens. Redaktion ZDF/Arte: Doris Hepp. Redaktion YLE Teema: Leena Pasanen. Produzent: Heino Deckert. Format: 35mm (gedreht auf 35mm und DV Cam), 1:1.66, Farbe. Länge: 57 Minuten, Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch. Uraufführung: 15. Februar 2005, Internationales Forum, Berlin. Verleih: Freunde der dt. Kinemathek, Berlin. Pressematerial: www.kinopresseservice.de zurück nach oben Erika Richter: Ich sah den Film mit großer Spannung. Zuerst vermutete ich, dass es darum ging, dass dein Bruder sehr krank war und für sein letztes Lebensjahr an einen Ort gehen wollte, der einer Idylle glich. Natürlich wird niemand, der dich und deine Filme kennt, von dir einen Film über eine Idylle erwarten. So habe ich mit großer Intensität verfolgt, wie sich allmählich entschlüsselt, worum es eigentlich geht. Ich vermute, dass du schon lange weißt, dass der Freund deines Bruders, bei dem er jetzt lebt, IM war und deinen Bruder und dich und auch deinen Vater beobachtet hat. Wann kam es zu der Idee, diesen Film zu drehen? Thomas Heise: Vor ein paar Jahren wollte ich einen Film machen, der ‘Klassentreffen‘ hieß. Aber mit dem damaligen Produzenten ging das nicht. Ihn interessierte nicht die Geschichte, sondern irgendetwas anderes. Dann fuhr ich mit meinem Bruder nach Amerika – das war, als er seinen dritten Infarkt hinter sich hatte. Dort saßen wir im Death Valley. Diese Gegend, die ich sehr liebe, wollte ich ihm zeigen. Es hat ihn sehr angestrengt. Dann dachte ich: Ich muss einen Film mit ihm drehen. Während der Berlinale 2004 sprach ich mit Heino Deckert darüber und sagte: Ich möchte das unbedingt machen. Das hat er geglaubt und das Projekt als Produzent vertreten. Die Finanzierung war allerdings sehr knapp. Aber ich wollte diesen Film, und ich wollte ihn unbedingt auf 35mm, mit Negativschnitt und allem, was man im richtigen Film macht. Weil ein 35mm-Film länger hält als man selber. Außerdem wollte ich einen Film machen über eine schöne Landschaft und drei Leute, die dort wohnen und nicht über das sprechen, was sie da zusammenhält. Sie erzeugen einen schönen Schein. Das ist auch in Ordnung, und jeder Einzelne hat auch etwas dazu zu sagen. Aber sie sprechen nicht miteinander. Jedenfalls nicht über das, was sie tatsächlich miteinander zu tun haben. Mehr als Akten, das nebenbei. E.R.: Da wusstest du aber schon, dass diese drei Leute zusammenleben. T.H.: Natürlich. Ich hatte mit meinem Bruder einmal darüber gesprochen und musste akzeptieren, wie wichtig Micha für ihn ist, und dass es in Ordnung ist, wie es jetzt ist. E.R.: Was ich in deinem Film sehe, kommt mir fast vor wie ein Modell des Lebens an sich: Man lebt zusammen mit den ungeklärten Dingen. Aber man lebt eben weiter. Es geht ja nicht nur um die Stasi. Das Paar Michael und Yvonne ist praktisch geschieden und lebt trotzdem weiter zusammen. Nichts soll sich ändern. T.H.: Es geht eigentlich nicht, aber es geht trotzdem. Das stimmt. Es ist eine kleine Geschichte, mit Beschränkung auf Ort und Zeit. Ein Blick in eine schöne Landschaft. Alles sehr schön und alles sehr gut. Eigentlich ist es ein Film über Oberfläche. Mich hat hier die Oberfläche auch wirklich interessiert. Ich wollte nichts aufklären. Aber wenn man auf diese Oberfläche schaut, dann ist unter diesem Glanz etwas anderes zu sehen, nicht alles, aber etwas, das man erahnen kann. Eine Haut, die einreißt und rotes Fleisch darunter sehen lässt. Daran zu rühren würde nicht viel ändern, es würde mehr schmerzen als der Blick, den man darauf wirft. E.R.: Ich finde diesen Film auch interessant im Vergleich zu deinem Film Barluschke. In MEIN BRUDER gibt es eine ganz andere Ebene des Sprechens über den Geheimdienst und ähnliche Themen. T.H.: Hier geht es nicht um Geheimdienste. Es geht um meinen Bruder und mich. Das Unausgesprochene zwischen uns. Sonst hätte ich diesen Film nicht gemacht. E.R.: Ich finde es gut, wenn man den Blick des Historikers hat – und den hast du immer angestrebt – und behauptet, dass man in der eigenen Familie nachgräbt. Hat dein Bruder dem Plan von Anfang an zugestimmt? War er froh über diesen Film? Offensichtlich gibt es zwischen euch ja auch Spannungen. T.H.: Ich habe Andreas gesagt, dass ich mit ihm drehen will. Und mit Micha. Mehr habe ich nicht gesagt. War auch in Ordnung. Mit Micha habe ich gar nicht über dieses Vorhaben gesprochen. Ich habe Andreas gefragt, ob Micha da sein wird, er hat das bestätigt. Micha wusste, was ich von ihm wollte. Weil wir nicht miteinander gesprochen hatten. Er hat auch nicht gefragt. Irgendwann fing er von alleine an zu sprechen. Aber im Vorfeld haben wir darüber gar nicht gesprochen. E.R.: Vielleicht ergab sich gerade daraus dieses Echte, das man nur herausbringen kann, wenn man so fühlt und nicht befragt wird und sich nicht vorbereitet hat. – Und die Natur ist die unbeteiligte Dritte? T.H.: Es gibt den gut zitierbaren Satz: „In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön.“ Der ist mir platt als Erstes dazu eingefallen. – In Ordnung. In den Pyrenäen trifft man auf diese alten Geschichten. Denen kann man nicht entgehen, und die hören nicht auf. Die laufen einem hinterher. Auch wenn man so tut, als wäre es nicht so. Andererseits geschieht auch Neues, zum Beispiel kann man sich da verlieben. E.R.: Ich finde eindrucksvoll, was Michael erzählt. Weil ich merke, dass er sich damit quält. Auch wenn du darauf verweist, dass es um Oberfläche geht. T.H.: Ich bin vorsichtig und will das nicht kaputtmachen. Für meinen Bruder ist Micha wichtig. Ein Freund. Also wollte ich nicht in dieser Freundschaft herumfummeln. Ich habe es dennoch getan. Für Yvonne ist Micha auch wichtig. Nicht nur, weil er die ganze Sache finanziert. Er ist ein toller Vater, sagt sie. Es ist schön, wenn Menschen einander brauchen und haben. Auf der anderen Seite ist das ein unmögliches Modell. Wenn ich mir das so ausdenke, habe ich das Gefühl: Es geht nicht. Das kann nicht gut sein. Aber es ist die Wirklichkeit. E.R.: Ich glaube, es ist ein sehr realistisches Modell. – Haben die Beteiligten den Film gesehen? T.H.: Sie werden ihn auf der Berlinale sehen. Ich zeige keine halb fertigen Sachen. Wir kennen uns zu lang. Da ist das, glaube ich, in Ordnung. E.R.: Hattest du das Gefühl, dass du mit Hilfe des Films etwas mit deinem Bruder klären kannst? T.H.: Der Film zeigt das, was ich darüber sagen kann oder darüber sage. Mehr nicht. Es ist ein kurzer Besuch bei meinem Bruder, und wir unterhalten uns mal wieder. An dem Charakter einer kurzen Begegnung lag mir bei diesem Film. Weil es so selten ist, und so viel. E.R.: Es klang ein bisschen traurig, als er sagte, dass ihr euch eigentlich nie richtig unterhalten habt. T.H.: Das hat aber mit Traurigkeit nichts zu tun. Es ist eine Beschreibung. Es ist ganz sachlich. Wenn auch mit – ich weiß nicht – ‘Milde‘ uns gegenüber. E.R.: Du mußt es wissen. – Was hast du während der Vorbereitung zu dem Film mit deinem Kameramann Peter Badel besprochen? Oder besprecht ihr euch gar nicht mehr und vertraut einfach aufeinander? T.H.: Doch, ich habe von der Landschaft gesprochen. Bei allem Vertrauen. Wir sind auf den Berg geklettert. Nicht jedermanns Sache, anstrengend. Da kann man nicht mit dem Auto hochfahren. Es ist eine recht große Anstrengung, die schweren Geräte da hochzuschleppen. Man ist eine längere Weile unterwegs, muss alles tragen, muss klettern. Wir haben darüber gesprochen, dass die Kraft von Landschaft für mich ein ganz wichtiger Punkt ist. Das hat mich schon bei Vaterland interessiert. Diese ungeheure Weite und andererseits diese Enge, diese klaustrophobische Situation zwischen Menschen, die mit ihren Geschichten in der Küche eines ehemaligen Pfarrhauses aufeinander hocken. E.R.: An einer Stelle, während Michael erzählt, ist mir ein Schnitt aufgefallen. Ich zuckte einen Moment zusammen und dachte: Ach, eigentlich hätte man ihn ausreden lassen sollen. T.H.: Es ist nur immer die Frage: Wie lange hält man etwas aus? Was ist wichtig, was ist weniger wichtig? Was lenkt vom Wesentlichen ab? E.R.: Es wird ja von allen sehr in Andeutungen gesprochen. Manches konnte ich gar nicht verstehen. Aber man muss auch nicht jedes Wort verstehen. Das Generelle begreift man sehr gut. T.H.: Oft werden keine geschlossenen, fertigen Sätze gesprochen, sondern es gibt eine Aneinanderreihung von Anfängen oder Brocken. Wie herumliegende Steine, die durch eine Gegend kullern. Spuren. Interview: Erika Richter, Berlin, 27. Januar 2005 |
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